Wie finde ich die richtigen Ziele, um finanziell unabhängig zu werden oder warum finanzielle Unabhängigkeit kein Ziel sein kann.


In „Oh wie schon ist Panama“ von Janosch träumen der kleine Bär und der kleine Tiger von einem besseren Leben. Als eine Bananenbox den Haushalt erreicht, auf der Panama eingestanzt ist, wird Panama zum Sinnbild eines besseren Lebens.

Die beiden planen nach Panama auszuwandern. Da sie nicht wissen, wo Panama liegt, basteln sie ein Schild aus der Bananenkiste, rammen es in den Boden, und folgen der vorgegeben Richtung.

Genauso zufällig kann man sein eigenes Leben planen. Die Werbung, die Medien und der eigene Freundeskreis leben vor, wie ein glückliches Leben auszusehen hat. Das Ziel wird dann eben etwas so wichtiges wie ein neues paar Ski, ein schickes Auto oder eine neue Küche fürs Haus. Die wahren Ziele sind unter einer dicken Schicht Ablenkung und Stress verborgen und kommen erst am Ende des Lebens wieder ans Licht.

Das schöne an der Parabel von Janosch ist, dass der kleine Tiger und der kleine Bär am Ende einer langen Reise mit vielen Abenteuern zurückkehren, zu ihrem alten Haus. Sie erkennen es aber nicht wieder, es hat in der Zwischenzeit etwas gelitten, das Dach ist beschädigt, der Garten überwuchert. Der Wegweiser ist auch beschädigt. Sie finden das Schild im Gras und denken, sie hätten Panama gefunden. Sie renovieren das Haus, leben wieder am gleichen Ort, nur diesmal machen sie das beste daraus und sind glücklich, endlich am Ziel Ihrer Träume zu sein.

Ich habe schon als Kind diese Geschichte geliebt und ich habe sie am Anfang dieses Blogartikels gestellt, da sie exemplarisch für die häufig zufällige oder zumindest von äußeren Ereignissen getriebene Zielsetzung steht. Wer kennt nicht das nagende Gefühl der Unzufriedenheit, obwohl es einem eigentlich gut geht. Die schnelle Ablenkung durch falsche Ziele, die es einem erlauben wieder mit viel Aktivität das wirklich wichtige zu vergessen. Die Frage ist, wie schafft man die Rückkehr zur Zufriedenheit mit dem, was man eigentlich schon immer hatte. Wieso muss es immer eine Spur wilder sein. Wieso muss ein Auto heute viel mehr PS haben. Wieso muss ein Hotel heute einen Wellness-Tempel haben, obwohl man doch eigentlich Skifahren geht. Wieso kann ich nicht vor der Tür Spazieren gehen, sondern packe die ganze Familie ins Auto und fahre an die Osterseen. Wieso ist etwas, das vor einer Generation noch als absoluter Luxus galt, wie eine Fernreise mit dem Flugzeug nach Asien, heute schon fast die Norm für einen 18-jährigen Abiturienten, der sich auf seinem Gap-Year (einer Weltreise) ein paar Gedanken zum Leben macht.

Es gibt verschiedene Wege, sich seinen eigenen Zielen und Werten zu nähern. Man braucht für jede dieser Übungen Zeit, manchmal einen Sparringspartner, manchmal auch einfach nur Phantasie. Kosten tun sie alle nichts. Ich habe mir ein paar herausgesucht, die mir persönlich geholfen haben, meine eigenen Ziele und Werte aufzuschreiben.

  1. Seine eigene Grabrede schreiben. 

Mir hat das geholfen, da ich mit 18 fast bei einem Unfall gestorben wäre. So wurde mir damals schon bewußt, dass mein Leben und auch das meiner Mitmenschen jederzeit enden kann. Danach wurde mir klarer, was mir eigentlich wichtig ist. Ich habe dann einige Jahre später auch versucht, zu definieren, wofür ich gerne bei meinem Mitmenschen in Erinnerung bleiben würde, was ich an anderen Menschen bewundere und welche Vorbilder das eigentlich ganz richtig machen, gerade weil mir die eigene Sterblichkeit so bewusst wurde. Dadurch habe ich Karriere und den Beruf immer nach der verbrachten Zeit bewertet und nicht nur nach dem verdienten Gehalt. In meiner Rede am Grab hätte ich gerne gehört, dass ich mir immer Zeit für meine Freunde, meine Familie und auch ein paar Abenteuer genommen habe. Dass ich beruflich auch von meinen Kollegen geschätzt wurde, weil ich für eine produktive, positive Arbeitsatmosphäre gesorgt habe. Dass die Unternehmen, bei denen ich mitarbeiten durfte, auch sinnvolle Dinge gelöst haben. Das wäre mir wichtig.

  • Seine Großeltern/ Eltern fragen
  1. Vorlieben als Kind

Die Kunst ist hier durch geschicktes Fragen herauszufinden, ob man kindliche Vorlieben hatte, die einen Hinweis geben, was einen glücklich machen würde. Ich habe zum Beispiel schon als 10-jähriger soviele Bücher verschlungen, dass die Bibliothek kaum hinterher kam. Alles rund um Bücher hat mich fasziniert, und ich habe auch viel Freude im Verlagswesen gefunden. Manch einer hat schon immer gerne programmiert, und das zu seinem Beruf gemacht. Auch die Freude an der Arbeit mit Menschen und der Kontakt zu Menschen kann eine berufliche Richtung vorgeben. Ich hatte damals die Möglichkeit Richtung Bewegtbild, Musik oder Verlage zu gehen und die Entscheidung war sonnenklar. Für andere ist TV aber ein tolles Umfeld. Oder der Maschinenbau.

2. Auf die Weisheit des Alters hören

In einem zweiten Schritt kann man gemeinsam überlegen, welche Werte und Empfehlungen die Eltern und Großeltern uns geben würden. Früher hat man mehr von den Großeltern mitbekommen, oft haben sie im gleichen Haus gelebt. Heute, auch durch die rasante Entwicklung der Gesellschaft und der Technik erscheinen Ältere Menschen als weniger kompetent. Dabei ist die Kompetenz der Werte und der Ziele im Leben zeitlos und unabhängig, ob man WhatsApp bedienen kann. Aus diesen Gesprächen habe ich dann Ziele für mich selbst extrapoliert. Mein Vater zum Beispiel hat mir gesagt, wie sehr er den Alltag zu genießen versucht und wie er durch die ein oder andere Entscheidung den schönen Alltag verloren und sich erst wieder mühsam einen neuen Alltag aufbauen mußte. Es sind nämlich nicht die Ausnahmen, die eine Reise, der eine Job oder die eine Bergwanderung, die es zu gestalten gilt. Sondern die Montage bis Freitage, das gemeinsame Frühstück. Mit einem Lächeln aufzuwachen, nicht weil es in den Urlaub geht, sondern an einem ganz normalen Montag, Donnerstag oder eben Sonntag. Darauf gilt es hin zu arbeiten. Und das wird nur klappen, wenn man im Einklang mit seinen Werten lebt.

  • Einen Brief an sich selbst schreiben

Ich habe während meines Master-Studiums von dieser Technik gehört. Hier geht es darum, sich einen Brief aus der Zukunft in die jetzige Zeit zu schreiben. Es ist ein wenig wie der erste Punkt, aber mit anderem Fokus. Nicht ein Rückblick auf ein erfülltes Leben, sondern ein Rat aus der Zukunft. In meinem Brief habe ich also darüber nachgedacht, was ich mir für Tipps geben würde, was hilfreich vor 10 Jahren gewesen wäre.

Ich war noch nie der ehrgeizigste und bin trotzdem vielen meiner ursprünglichen Ziele nahe gekommen. In meinem Brief an mich selbst gab es also erst einmal einen beruhigenden Grundton, à la es wird schon alles gut. Außerdem sollte ich meiner Meinung nach weniger machen, das wenige aber richtig gut. Nicht zuviele Freunde, aber einige richtig gute. Für die man auch in guten wie in schlechten Zeiten da ist. Nicht jedes Jahr eine neue Sportart, sondern einige wenige, bei denen ich aber versuche besser zu werden. Geld in niedrigpreisige ETFs anlegen und auch bei kleineren und größeren Krisen nicht aufhören zu sparen und anzulegen. Am liebsten hätte ich mir noch ein paar Aktientipps gegeben, aber das ist ja leider nicht möglich 🙂

Alle materiellen Ziele haben wenig Raum in diesen Übungen. Weder in einer Grabrede, noch beim Gespräch mit den Großeltern kam heraus, dass ich alle zwei Jahre eine neue E-Klasse kaufen sollte, um ein erfülltes Leben zu leben. Ich habe mir nicht geschrieben: Du hast einen Montblanc Füller und eine teuere Uhr. Solche Dinge sind von weitem betrachtet, sogar schon aus 10 Jahren Entfernung, absolut irrelevant. Sie waren nicht notwendig und werden es auch in Zukunft nicht sein.

Finanzielle Freiheit wäre ohne materielle Exzesse schon früher möglich. Aber was man aus der Freiheit macht, auch schon bevor man sie erreicht, das entscheidet die eigene Zufriedenheit.

Am wichtigsten ist Ruhe bewahren und sich auf die einigen großen wichtigen Dinge konzentrieren, die Beziehung, die Familie, die Freunde, die Gesundheit und beruflich das beste geben, ohne mehr als 50 Stunden die Woche zu arbeiten. Damit wäre schon viel geschafft.

  • Bücher dazu lesen

Eines der wichtigsten Bücher zum Thema Ziele und Zufriedenheit ist für mich das Buch „Man´s Search for Meaning“ von Viktor Frankl,  am besten im Original auf Englisch lesen, die Deutsche Ausgabe hat mich weniger berührt. Frankl hat das KZ Auschwitz überlebt und war vor und nach dem Holocaust viele Jahre lang Professor für Psychologie in Wien, Harvard und anderen Universitäten. Die wichtigste Botschaft des Buches ist, dass fast alles im Leben Einstellungssache ist. In Theresienstadt oder Auschwitz wurde den Gefangenen alles genommen, nur eines konnte Ihnen nicht genommen werden, und das war die eigene Sicht auf das Leben. Dies lässt sich auch auf mein eigenes Leben übertragen, und viele Dinge relativieren sich mit der richtigen Einstellung.

Mein eigenes Glück ist immer nur eine Ableitung meiner Ziele und meiner Taten, und die wenigsten werden glücklich, wenn sie ein Jahr lang bei 30 Grad am Strand liegen müssen. Ich würde sogar recht schnell unglücklich dabei. Sich etwas herausfordendes vorzunehmen und zu schaffen, in einer Tätigkeit, wie dem Klavierspielen oder bei mir eher dem Skifahren immer besser zu werden, etwas zu meistern, das macht einen als Folge davon glücklich. Ziele zu erreichen, macht glücklich. Und selbstbestimmt leben können, macht auch glücklich. Glück ist daher kein Ziel.

Das eigene Leben selbst zu bestimmen ist für mich der wichtigste Teil an der finanziellen Unabhängigkeit. Ich suche gar nicht so sehr Sicherheit, eher die Möglichkeit, nein sagen zu können, wenn mir etwas nicht gefällt, ja zu wilden Plänen sagen zu können, ohne gleich über die Kosten nachdenken zu müssen, Zeit zu haben, auch mal an einem Freitag Skifahren zu gehen, zu tun was mir wichtig ist, ohne gleich auf die Belohnung zu achten, dass ist für mich die Essenz von finanzieller Unabhängigkeit und das Glück folgt dann aus dem, was man aus der Freiheit macht.

Die Überschrift hat also ein wenig getäuscht, denn finanzielle Unabhängigkeit macht natürlich nur Sinn, wenn es die eigenen Werte und Ziele unterstützt. Bevor die eigene Gesundheit oder Zeit mit der eigenen Familie für finanzielle Ziele geopfert wird, sollte man sich genau überlegen, welchem tieferen Zweck FIRE dient. Ich glaube es ist nicht nur möglich, sondern sogar einfacher, wie auch von vielen anderen Bloggern beschrieben, glücklich zu sein und dabei Geld zurück zu legen.

Denn, wie ich versucht habe in den meisten Artikeln zu argumentieren, ist das meiste, was wirklich wichtig ist, nicht teuer.

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